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Die Carlsberger Rotunde wurde im Hof der Orangerie errichtet. Es handelte sich um ein Bauwerk in Holzbauweise, das ausschließlich für die Veranstaltungen im Zusammenhang mit der Hochzeit genutzt und danach wieder abgetragen wurde. Da der Brautvater, Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt an dieser Anlage großen Gefallen gefunden hatte, ließ er sich von Mannlich Plankopien schicken. Er beabsichtigte nämlich eine Errichtung des Gebäudes in Stein als ständige Einrichtung. So schickte Mannlich die von ihm signierten Kopien nach Darmstadt, wo sie sich heute noch befinden. Zur Ausführung in Darmstadt kamen sie allerdings nicht mehr.

Schnitt durch die Rotunde

Als Grundform wählte Mannlich den Kreis. Den Mittelpunkt bildete ein Kuppelsaal, von Mannlich als "Salon" bezeichnet, mit einem Durchmesser von rund 20 Metern und einer Höhe bis zum Scheitel der Kuppel von rund 16,50 m. 16 Säulen ionischer Ordnung bildeten die dekorativen Stützen der Holzkuppel, die nicht halbkreisförmig, sondern im Schnitt mehr einem hohen Korbbogen entspricht. Zwischen den Säulen, die in Wirklichkeit wohl nur aufgemalt waren, sind rundbogige Durchgänge angeordnet, die mit Girlanden verziert sind. Die Laibungen sind als Skulpturennischen gestaltet. Über dem Gesims, auf dem die Bögen aufliegen, sind die Laibungen kassettiert. Im Bereich der Längsachse befinden sich in den Durchgängen Lüster.

Grundriss der Rotunde


Die Querachse schließt sich der Mittelachse der Orangerie an. Zur Seite der Orangerie orientierte Mannlich die von ihm beschriebene Perspektive des Markusplatzes von Venedig. Zwischen den Durchgängen fanden sich Sitzmöglichkeiten, aber auch der Platz für das "orcestre" und für Theken mit Erfrischungen und Speisen. In einem ersten und zweiten Umgang, die dem Salon folgen, waren 20 bzw. 16 "Boutiquen" untergebracht, in denen Verkäufer ihre Waren feilboten. In den Zwickeln zum Hauptgebäude befanden sich Rückzugsmöglichkeiten für die Damen. Die Boutiquen waren aufwendig dekoriert. So waren die Stützen mit "Bäumen" verkleidet, deren Blattwerk wie ein Gewölbe die Gänge überspannte. Zwischen den Pfeilern waren Girlanden gespannt. Da sich von der Gestaltung der Boutiquen ein Plan erhalten hat, können wir uns ein genaues Bild davon machen. Weiterhin findet sich im benachbarten Theatersaal eine Parallele.

Ein konkretes Bild kann man sich auch von dieser Gestaltung in der Moschee der Schwetzinger Gärten machen, wo sich in den Eckpavillons des 1785, also zeitgleich, entstandenen Umgangs vergleichbare Elemente befinden. Maßgeblich an der Ausstattung beteiligt war der Theatermaler Quaglio, der auch an der Gestaltung der Rotunde beteiligt gewesen sein soll.

Ansicht einer Boutique

Die Abbildung der Boutiquen ergänzt sich wunderbar mit den Beschreibungen Pollets, wodurch man vermuten kann, daß Mannlich das Prinzip der Logen hier auf die Boutiquen übertragen hat. Erwähnenswert ist noch die Gestaltung der Kuppelhalle. Die Kuppel selbst war als heiterer, leicht bewölkter Himmel ausgemalt. Auf der Säulenreihung erhob sich eine Scheinattika mit säulenbezogenen Postamenten, auf denen sich Vasen und Puttengruppen erhoben. Zwischen ihnen hingen Girlanden. Da der ganze Raum ohne natürliche Belichtung auskommen mußte, entwickelte Mannlich ein ausgeklügeltes System der künstlichen Belichtung. So setzte er auf alle vorkragenden Teile, wie Rundbögen und Attika, tausende kleiner Lämpchen, die ihr Licht im Bereich der Kuppel bündelten. Da die Lämpchen für den Betrachter unsichtbar waren, ergab sich dadurch der Effekt eines natürlich belichteten Freiraumes, dessen Abschluß die vasen- und puttenbekrönte Attika bildete. So schuf Mannlich wiederum eine scheinbare Gartenatmosphäre in einem Innenraum, hier nun zum (mindestens) dritten Male. Zur Belichtung der Umgänge setzte er Querriegel in die Felder der Boutiquen ein, die mit den gleichen Lämpchen besetzt waren. Die große Attraktion der Rotunde waren allerdings die vier Bühnen, die Mannlich beiderseits der Längsachse plazierte. Es waren kleine Einzelbühnen, die mit den beiden Haupteingängen gekoppelt waren. Hier wurden kleine Veranstaltungen, darunter chinesische Schattenspiele und Marionettentheater, dargeboten, die man im Stehen bewundern konnte, da für Sitzreihen kein Platz vorhanden war. Es handelte sich wohl mehr oder weniger um einen Jahrmarkt.

Ansicht eines Portals

Zwei weitere Pläne in Darmstadt präsentieren die beiden Portale. Ihnen zur Seite sieht man die Außenhaut der Bühnen. Der zum Südflügel des Schlosses orientierte Haupteingang gliedert sich in einen zentralen giebelbekrönten Portikus. Der rundbogige Durchgang, von Girlanden verziert, wurde durch paarweise angeordnete Säulen ionischer Ordnung flankiert. Beiderseits des Portikus befanden sich ebenfalls rundbogige Öffnungen, deren seitlicher Abschluß wiederum von paarweise angeordneten Säulen ionischer Ordnung abgeschlossen wurden. Die großen seitlichen Öffnungen wurden durch Gitter abgeschlossen. Hinter ihnen befanden sich, wie Mannlich beschreibt, Volieren. Davor wurde jeweils eine Statue angeordnet. Auf dem auskragenden Gesims befanden sich Flammenvasen. Das andere Portal übernimmt im Zentrum den Portikus des Haupteingangs. Hier gliedern sich allerdings schmale Rücklagen an, mit Skulpturennischen und diese bekrönende Vignetten mit nicht näher definierbaren Darstellungen, die von Lorbeerkränzen umschlossen werden. Auf dem Kranzgesims befinden sich Puttengruppen. Die Gestaltung der Außenhülle der Rotunde läßt sich mit einer Unzahl von Girlandengehängen denken, so wie sie im Bereich der Bühnenaußenwände zu sehen sind.

Ansicht eines Portals

 

Mannlich schrieb hierzu:

"Ich stand also auf und überlegte die ganze Nacht, während ich in meinem Zimmer auf und ab ging. Die Schwierigkeit bestand nicht darin, Motive ausfindig zu machen; aber unsere Bauhütten standen leer, und es fehlte an Material und Kredit. Indes, ich sollte nichts sparen. Als erste Veranstaltung brachte ich also einen Jahrmarkt in Venedig in Vorschlag, dessen Schauplatz der weitläufige Hof der Orangerie sein sollte... Die Arbeiten wurden so sehr beschleunigt, daß das ungeheure Gebäude für den Jahrmarkt, das den Hofraum der Orangerie füllte, bereits in den ersten Dezembertagen fertiggestellt war. Es übertraf bei weitem meine Erwartungen. In seiner Mitte erhob sich ein sechzig Fuß breiter und fünfzig Fuß hoher Rundbau, dessen gewölbte Decke mit Wolken und schwebenden Amoretten bemalt war, die den Lüster hielten. Rings um die Rotunde, die zum Tanzen bestimmt war, liefen, zwischen ihre Pfeiler eingebaut, Hallen für die Musikanten, Wirte, Limonadenverkäufer, Garköche und Pastetenbäcker, um die sich dann in dreifachem Kreise die Buden für die Händler schlossen. Den perspektivischen Abschluß der vier Eingänge bildeten Theater, und nach der Seite der Orangerie hin erstand in der Ferne vor den Augen des Beschauers der Markusplatz von Venedig. All diese bunte Jahrmarktswelt war, wie gesagt, in ein einziges ungeheures Gebäude aus Holz und bemalter Leinwand eingebaut, das man durch einen großen Portikus betrat. Seine Seitenflügel beherbergten lebende exotische Vögel und die seltensten Tiere von Carlslust. Tausende kleiner Lämpchen, die auf den Gesimsen und rings an den Kaufläden herum flackerten, erleuchteten das Ganze wie am hellichten Tage. Sie verbreiteten zugleich im Verein mit der Menschenmenge und den Öfen der Orangerie eine wohltuende Wärme, daß man sich, obgleich mitten im Dezember, an einen Frühlingsabend versetzt glaubte, und diese Täuschung war um so überzeugender, als der Duft der blühenden Orangenbäume die Luft erfüllte. Die Händler hatten ihre besten Waren zur Schau gestellt, aus allen Richtungen waren sie zusammengeströmt, aus Mannheim, Straßburg, Metz, ja auch aus Paris waren Modistinnen gekommen. Der Herzog wünschte auch die Anwesenheit eines Verkäufers von Bildern und Stichen, die er aus seinen Sammlungen beisteuerte."

Text entnommen aus “Schlösser und Landsitze der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken” von Ralf Schneider

Bilder: Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, Darmstadt